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Von der Reiz-Reaktions-Spirale zur bewussten Wahl

Achtsamkeit als Training emotionaler Intelligenz – und warum das für Führung und Kommunikation entscheidend ist


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Einleitung

Es gibt Momente, in denen wir genau wissen, was wir eigentlich sagen oder tun wollten – und dann erleben, wie uns etwas anderes „herausrutscht“.Ein scharfes Wort, ein defensiver Kommentar, ein ungeduldiger Ton. Sekunden später merken wir: Das war nicht hilfreich.

Diese automatischen Reaktionen sind menschlich. Sie entstehen in Millisekunden, noch bevor unser Verstand überhaupt eingreifen kann. Achtsamkeitstrainings – und insbesondere auch MBSR-Trainings (Mindfulness-Based Stress Reduction) – setzen genau hier an: Sie schaffen den Raum zwischen Reiz und Reaktion. Und in diesem Raum liegt unsere Freiheit.


1. Die Reiz-Reaktions-Spirale – wenn das Gehirn übernimmt

Unser Nervensystem reagiert auf Stress, Bedrohung oder Emotionen blitzschnell. Die Amygdala, das „Alarmzentrum“ des Gehirns, löst Reaktionen aus, bevor der präfrontale Kortex – der Bereich für rationales Denken – aktiv wird. Diese biologische Schutzreaktion war überlebenswichtig in der Evolution. Im modernen Arbeitsalltag führt sie jedoch oft zu Fehlreaktionen:

  • Wir gehen in den Verteidigungsmodus, wenn wir Kritik hören.

  • Wir reden weiter, obwohl Zuhören besser wäre.

  • Wir reagieren auf Druck mit Gegendruck.

Je höher der Stress, desto enger wird der Reaktionsraum – und desto automatischer wird unser Verhalten. Führung, Kommunikation und Zusammenarbeit leiden darunter.


2. Achtsamkeit als Unterbrechung der Spirale

Achtsamkeit bedeutet, innezuhalten und wahrzunehmen, was im Moment geschieht – ohne sofort darauf zu reagieren. Diese Fähigkeit lässt sich trainieren, wie einen Muskel. Im Achtsamkeits -Training geschieht das durch drei zentrale Übungsfelder:

  1. Körperwahrnehmung: Der Körper zeigt Stress früher als der Kopf. Wer Körpersignale wahrnimmt, erkennt rechtzeitig, wenn Anspannung oder Emotionen steigen.

  2. Atembewusstsein: Der Atem ist der einfachste Weg, um das Nervensystem zu beruhigen. Ein bewusster Atemzug aktiviert den Parasympathikus – die natürliche Bremse im Stresssystem.

  3. Beobachtung von Gedanken und Emotionen: Wir lernen, Gedanken und Gefühle zu erkennen, ohne sie sofort zu glauben oder auszuleben. Dadurch entsteht ein Moment der Wahl: Wie will ich reagieren?

Dieser Moment ist der Kern emotionaler Intelligenz.


3. MBSR als Training emotionaler Intelligenz

Emotionale Intelligenz beschreibt die Fähigkeit, eigene Emotionen wahrzunehmen, zu verstehen und konstruktiv zu steuern – und ebenso empathisch mit den Emotionen anderer umzugehen. Achtsamkeit und MBSR bilden dafür die Grundlage.

Durch regelmäßige Praxis:

  • wächst die Fähigkeit zur Selbstwahrnehmung,

  • entsteht emotionale Selbstregulation,

  • steigt Empathie und Perspektivenübernahme.

Neurowissenschaftlich lässt sich das belegen: Regelmäßige Achtsamkeitspraxis stärkt die Verbindungen zwischen präfrontalem Kortex und Amygdala. Das bedeutet: weniger impulsive Reaktionen, mehr bewusste Entscheidungen.

Führungskräfte mit hoher emotionaler Intelligenz reagieren nicht automatisch – sie handeln bewusst. Und genau das ist die Qualität, die in komplexen, dynamischen Systemen gebraucht wird.


4. Verbindung zu Führung – Präsenz statt Reaktion

In Führungssituationen entscheidet weniger das Wissen, sondern die Präsenz. Achtsamkeit hilft, diesen Raum bewusst zu gestalten:

  • Im Konflikt: Wahrnehmen, was getriggert wird – und bewusst anders reagieren.

  • Im Feedback: Aktiv zuhören, ohne sofort zu rechtfertigen.

  • In Veränderung: Ruhe ausstrahlen, wo andere Unruhe spüren.

Ein achtsamer Führungsstil heißt nicht, alles gelassen hinzunehmen. Er heißt: mit Bewusstheit zu handeln, statt im Autopilot zu reagieren. Dadurch entsteht eine Atmosphäre von Klarheit, Vertrauen und Sicherheit – die Basis jeder gesunden Teamkultur.


5. Verbindung zur Kommunikation – Klarheit durch Präsenz

Kommunikation wird dann kraftvoll, wenn sie aus Bewusstheit kommt.Achtsamkeit schärft die Wahrnehmung für das, was zwischen den Worten geschieht – Tonfall, Pausen, Körpersprache, Emotionen.


Wer präsent kommuniziert:

  • hört wirklich zu, statt schon zu antworten,

  • nimmt Spannungen früh wahr,

  • spricht klarer, weil er sich selbst besser spürt.

So wird Kommunikation zu einem Mittel der Verbindung – nicht der Verteidigung.


6. Vom Reflex zur bewussten Wahl

Viktor Frankl brachte es auf den Punkt: „Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion.“

Achtsamkeit vergrößert genau diesen Raum.Nicht, indem wir Emotionen unterdrücken, sondern indem wir sie erkennen und halten können. So entsteht die bewusste Wahl:

  • Nicht sofort zurückschießen.

  • Nicht automatisch rechtfertigen.

  • Nicht in alte Muster fallen.

Sondern bewusst entscheiden, wie wir handeln wollen.Das ist die wahre Freiheit – und die Grundlage für reife, wirksame Führung.


Fazit

Achtsamkeit ist kein Rückzug aus der Dynamik des Alltags, sondern die bewusste Schulung von Wahrnehmung, Präsenz und Selbstführung. Sie macht uns nicht „langsamer“, sondern klarer. Nicht passiver, sondern bewusster.

MBSR ist damit mehr als ein Stressbewältigungsprogramm – es ist ein Training für emotionale Intelligenz und bewusste Führung. Und genau das ist der Unterschied zwischen Reaktion und Verantwortung.

 
 
 

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